„Ein Gespenst geht um“
Prekarisierung am Beispiel des kulturellen Arbeitsmarktes (1), von Andrea Ellmeier.
Prekarisierung „bezeichnet die Zunahme von Arbeitsplätzen mit geringer Arbeitsplatzsicherheit, niedrigem Lohn, Teilzeitbeschäftigung, befristeten Verträgen und mangelndem Kündigungsschutz, d.h. den Prozess der Zunahme prekärer Arbeitsbeziehungen in der Erwerbsarbeit. Prekäre Arbeitsbeziehungen sind ökonomisch und historisch in Abgrenzung zum Normalarbeitsverhältnis bestimmt.“ (Hans Rauscher, vgl. Dossier "Prekäre Arbeit" im ALBUM von der standard, 18.02.2006).
Nicht dass per se den fordistischen „Normalarbeitsplätzen“ nachgetrauert werden müsste - wohl aber der Idee, dass doch einmal weniger (erwerbs)gearbeitet werden könnte, weil aufgrund der technologischen Entwicklung der gesellschaftliche Reichtum groß genug geworden ist, dass sich die (westliche) Gesellschaft das leisten könnte. Gesellschaftspolitische Forderungen wie beispielsweise die Arbeitszeitverkürzung sind aber scheinbar in den Tiefen der 1980er Jahre verloren gegangen. Fordistische Arbeitsplätze sind an und für sich ja keineswegs ‚das Gelbe vom Ei’, aber historisch gesehen war es ein Fortschritt, als nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa aufgrund eines relatives Kräftegleichgewichts zwischen Arbeitgeber- und –nehmervertretern von den Arbeitnehmervertretungen politisch was Neues durchgesetzt werden konnte: der Fordismus (nach dem Motto von Henry Ford „jeder Ford-Arbeiter sollte sich auch (früher oder später) ein Ford-Auto leisten können“) bot eine bis dahin noch nie da gewesene Stabilität der Arbeitsplatzsicherheit, was wiederum die Grundlage dafür war, dass der/die ArbeitnehmerIn mehr konsumieren, auch Schulden machen konnte, – die Stimmung gut war und die „Wirtschaft florierte“. Heute greift diese Modell der gesellschaftspolitischen Befriedung durch Teilhabe nicht mehr, der gesellschaftliche Konsens über ein wohlfahrtstaatliches Gesellschaftsregime ist brüchig geworden, die historischen Kämpfe scheinen vergessen.
In der letzten Dekade hingegen gewann der die Autonomie- und Selbstverwirklichungsbedürfnisse des postmodernen Subjektes gut bedienende kulturelle Arbeitsmarkt, ein traditionell arbeits- und sozialrechtlich gering ausgestattetes Erwerbsarbeitsfeld stark an Attraktivität für ein Erwerbsarbeitsmodell, das sich die Wirtschaft auch leisten will. Ich werde im Folgenden die deutlich gewordene Kulturalisierung der Erwerbsarbeit wie auch der Arbeitsmarktforschung kritisch befragen. Was bedeutet es, dass das Wörtchen „Kultur“, vor allem die „Kreativen“ in den letzten Jahren zunehmend häufiger in arbeitsmarktpolitischen Kontexten aufgetaucht sind, die traditionelle Arbeitsmarktforschung sich zunehmend häufiger mit einem früher von ihr weitgehend marginalisierten Bereich – nämlich mit dem Kunst- und Kulturbereich, dem „kreativen Bereich“ - als Arbeitsmarktgröße beschäftigt? Was war geschehen?
Seit den 1980er Jahren ist eine stete Aufwertung des Vokabels „Kultur“ in wirtschaftlichen Zusammenhängen zu beobachten. Lange hatte Wirtschaftspolitik mit „Kultur“ wenig im Sinn, wurde jedoch durch Globalisierung, Wandel der Dienstleistungsgesellschaft und verstärkte Nachfrage nach symbolischen und kulturellen (immateriellen) Waren deutlich häufiger mit „Kultur“ konfrontiert. Dass sich „Kultur“ in den letzten Jahren viel stärker in einem technologischen Kontext etablieren konnte, hat mit der gestiegenen Nachfrage nach Content-Produktionen für deregulierte Audio/Video-Märkte einerseits und ab Mitte der 1990er Jahre mit den neuen virtuellen Netzen (Internet) andererseits zu tun. Hinzu kommt die Digitalisierung der (papierenen) Wissensbestände. Die auf all diesen Ebenen von Politik und Teilökonomien zu beobachtende Bedeutungssteigerung von „Kultur“ für die europäische Politik und Wirtschaft spiegelt den in den 1990er Jahren in den westlichen Industriestaaten sichtbar werdenden Prozess einer „Kulturalisierung der Ökonomie“ und „Ökonomisierung von Kultur“ wider.
Integraler Bestandteil dieses Ökonomisierungs-Prozesses ist die steigende Aufmerksamkeit für all das, was als „Creative Industries“ – ausgehend von Australien und Großbritannien – die Fantasien von Kultur- und WirtschaftspolitikerInnen stimuliert und zu neuen Kooperationen zwischen Kultur und Wirtschaft angeregt hat. Großbritannien erlebte bereits in den 1980ern unter Margaret Thatcher eine neoliberale Wende und so verwundert es nicht, dass die Ökonomisierung von Kultur dort früher augenscheinlich wurde als am europäischen Kontinent. Die „Creative Industries“ wurden bereits kurz nach der politischen Übernahme durch Tony Blair zu einem politischen Schwerpunkt von New Labour. Der erste „Creative Industries Report“ erschien im Jahr 1998 und enthielt alle Marker und Größen, um die es fortan in sämtlichen nationalen Creative Industries-Reports gehen sollte: Umsatz, Arbeitsplätze, Entwicklungsprognose, Innovation und Exportaufkommen. Creative Industries Cluster sollen dazu beitragen, dass die Wirtschafts- und Beschäftigungspotenziale der kleinteiligen Kultur- und Medien-, IT- und Softwarebranchen besser genützt werden. In Österreich habe – so der erste österreichische Kreativwirtschaftsbericht im Jahr 2003 – „die Kreativwirtschaft – mit Ausnahme des Beschäftigungseffekts – sogar eine höhere wirtschaftliche Bedeutung als der Tourismus, und dies obwohl Österreich ein klassisches Tourismusland ist.“
Von „immaterieller Arbeit“, „kultureller Ökonomie“ und der Verwandlung einer ArbeitnehmerInnen-Gesellschaft in eine (Arbeitskraft)UnternehmerInnen- bzw. Selbständigen-Gesellschaft
Im postfordistischen Zeitalter haben sich parallel zu einem rasanten Anstieg der Bedeutung der Finanzkapitalmärkte und der Zunahme von immaterieller und kultureller Arbeit auch die Arbeits- und Lebensverhältnisse massiv verändert – in den „Erste Welt“-Ländern anders als in „Dritte Welt“-Ländern. In den europäischen „Erste Welt“-Staaten ist eine strukturelle Rückbildung des nach 1945 durchgesetzt geglaubten europäischen Wohlfahrtsstaates im Gange. So sind wir derzeit ZeugInnen einer schleichenden Monetarisierung von – in der wohlfahrtsstaatlichen Tradition offen zugänglichen – gesellschaftlichen Bereichen wie Kultur, Bildung und Gesundheit. Dabei werden Staatsbürger immer mehr als Politik-„Konsumenten“ und „Kunden“ von öffentlichen Services adressiert. In diesem Prozess der Reorganisierung von Kapital und Arbeit(sprozessen) kommt es zu einem deutlichen Rückgang der sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg herausgebildeten Arbeitnehmer-Gesellschaft hin zu einer (Arbeitskraft-)Unternehmer- bzw. Selbständigen-Gesellschaft.
Interessant ist für unsere Fragestellung, dass in der letzten Dekade das gesamte Ensemble von Kunst, Kultur und Kreativbranchen als prosperierender Arbeitsmarkt aufgetaucht sind. Die EU und die österreichische Ratspräsidentschaft machten „Beschäftigung im Kulturbereich“ bereits 1998 zu einem europäischen Thema. Was hat der Kulturbereich, was andere nicht haben?
Künstler und Künstlerinnen waren schon immer mehrheitlich selbständig tätig – kreatives, künstlerisches Arbeiten erfordert „freies“, nicht abhängiges, nicht angeleitetes Arbeiten. Vor allem in der Bildenden Kunst, Musik und Literatur sind überdurchschnittlich viele „selbständig“ erwerbstätig, in den darstellenden Künsten trifft man häufiger auf Anstellungsverhältnisse. Seit Entstehung eines industriellen Arbeitsmarktes gab es historisch gesehen keine Phase, in der Kunst und Kultur für die allgemeine Arbeitsmarktpolitik relevant gewesen wäre. Plötzlich wurden aber (erfolgreiche) KünstlerInnen und Kreative him-/herself als positive Beispiele für ein „kreatives“ Handling der zu Beginn des 21. Jahrhunderts anfallenden spezifischen Arbeitsmarkt-Anforderungen adressiert – sind sie doch gut ausgebildet, hoch motiviert, die Einkommensansprüche sind (meist) bescheiden und der Tatendrang trotzdem groß – damit sind KünstlerInnen, Kreative und WissensarbeiterInnen erstmals für den ganz „normalen“ Erwerbsarbeitsmarkt (des Postfordismus) sichtbar geworden und konnten so zu Role-Models eines entgrenzten, mobilen, gleichwohl aber in ihren arbeits- und sozialrechtlichen Ansprüchen bescheidenen Arbeitskräftepools werden. Die (schon immer) unsteten Karriereverläufe von „Kreativen“ und „Freien“ sind für den „normalen“ Arbeitsmarkt interessant geworden, weil sie als Vorbild für den ganz „normalen Arbeitsmarkt“ dienen können/sollen, weil es in einem neoliberalen Arbeitsmarkt „normaler“ werden soll, sich an unstete Erwerbsauftragsverhältnisse zu gewöhnen und flexibler auf die „Bedürfnisse“ der Wirtschaft zu reagieren.
Zu einem „kreativen“ Handling gehöre mehr als „nur“ einen Beruf auszuüben, angesprochen ist da auch die Vermarktung seiner/ihrer selbst, was wohl seit jeher eine unausgesprochene Voraussetzung für den KünstlerInnen-Beruf gewesen sein mag. Die Anforderungen an die Selbst-Vermarktung werden in Zeiten der Ich-AGs noch einmal weiter gesteigert. In diesem Prozess der Verallgemeinerung solcher Ansprüche werden KünstlerInnen zu „Proto“-Typen für in neoliberalen Zeiten ideologisch forcierte ArbeitskraftunternehmerInnen.
Argumentiert wird damit, dass die hohen „intrinsischen Qualitäten“ (von künstlerisch-kultureller Arbeit) jene Ebene darstellten, die der herkömmlichen Industrie- und Dienstleistungs-ArbeiterInnenschaft so vielfach fehle: eine bedingungslos positive Identifizierung mit dem Job. Der Begriff „intrinsisch“ stammt aus der Kulturökonomie und bedeutet „von innen her kommend“. Dies kommt auch den beschäftigungspolitischen Leitlinien der EU-Kommission, die „Entrepreneurship“ (Unternehmertum) und „Employability“ (Beschäftigungsfähigkeit) als zentrale Leitlinien des zukünftigen europäischen Arbeitsmarktes formulierten, entgegen.
„Negative Avantgarde“ : Kulturelle Arbeitsmärkte sind (oft) prekäre Arbeitsmärkte: Kreative, KünstlerInnen, Intellektuelle: KulturarbeiterInnen und/oder KulturunternehmerInnen
Politisch brisant wird die Kultur-Wirtschafts-Frage, wenn die meist (sehr) guten Kulturwirtschaftsprognosen mit den schlechten, unsteten Einkommensverhältnissen eines Teils der in den Kunstsparten und in den Creative Industries erwerbstätigen Personen („cultural workers“, „cultural entrepreneurs“) konfrontiert und gegengelesen werden.
KünstlerInnen, Kultur- und MedienarbeiterInnen, JournalistInnen und „freie“ WissenschafterInnen stehen selten in einem geregelten „Normal“-arbeitsverhältnis, fixe Arbeitsverhältnisse scheinen den so genannten „Kern“belegschaften von Kultur-, Kulturwirtschafts-/Kreativwirtschaftsunternehmen und Universitäten vorbehalten. Parallel dazu haben sich sog. „Flex“belegschaften heraus gebildet, die von Tag zu Tag größer werden. Kennzeichnend für die Arbeitssituation dieser „Flex“belegschaften von kulturindustriellen und kulturellen Organisationen und (Aus-)Bildungsinstitutionen ist es, von Projektarbeit, befristeten Lehraufträgen, Stipendien und anderen zeitlich begrenzten Aufträgen zu leben (leben zu müssen). Sie erzielen damit unregelmäßige Einkommen, was zu einer deutlich schlechteren sozialen Absicherung als die ihrer KollegInnen – die oft eine sehr ähnliche Arbeit, aber eben „in“ den Organisationen machen – führt. Das erworbene symbolische Kapital kann vielfach nicht mehr in ökonomisches übersetzt werden, die in den Karriereaufbau investierten Energien und Kosten können nicht mehr in ein sicheres Einkommen, das der Ausbildungshöhe annäherungsweise entsprechen würde, umgewandelt werden – das sind dann prekäre Arbeitsverhältnisse.
Die an einem „Starprinzip“ orientierte, stark ungleiche Entlohnung im kulturellen Sektor vergrößert die soziale Ungleichheit zusätzlich. Waren im Kunst- und Kulturbereich wie auch in den kreativen Teilen der Kulturindustrie seit jeher nicht etwa traditionelle fordistische Arbeitszeit - und Absicherungsregelungen (9 to 5-Regelung, volle sozialrechtliche Absicherung) üblich und dominierend, so hat sich dieser Trend in Zeiten der New Economy deutlich verschärft. Über positives oder negatives Erleben der Freiheiten des postfordistischen Arbeitsmarktes entscheidet allein eines: Erfolg bzw. Misserfolg.
Die (schon immer) unsteten Karriereverläufen von "Kreativen" und „Freien“ sind für den „normalen“ Arbeitsmarkt interessant geworden, weil sie als Vorbild für den ganz „normalen Arbeitsmarkt“ dienen können/sollen, weil es in einem neoliberalen Arbeitsmarkt „normaler“ werden soll, sich an unstete Erwerbsauftragsverhältnisse zu gewöhnen, flexibler auf die „Bedürfnisse“ der Wirtschaft zu reagieren, da sich im Postfordismus u.v.a. aufgrund einer permanenten Arbeitsplätzeknappheit ein (zwangsweise) deutlich beweglicheres Arbeitskräftepool herausgebildet hat. Die aktuelle Schwäche der (nationalstaatlichen) Gewerkschaften wie auch ihre geringe transnationale politische Präsenz – bei einem gleichzeitig guten Organisierungsgrad von Kapitelinteressen – trägt ein Übriges zu der aktuellen Arbeitsplätze-Malaise und dem um sich greifenden Lohndumping – auch in den Industrienationen – bei. Die Gewerkschaften haben sich ab der Mitte des 19. Jahrhunderts in einem industriegesellschaftlichen Kontext formiert und entsprechen bis heute in ihrer Organisationsform zwar exakt den Anforderungen des fordistischen Arbeitsmodells, sind aber dem heutigen Mix an Erwerbsarbeitsbedingungen (teils abhängig, teils selbstständig erwerbstätig) nicht gewachsen und haben das Auftauchen dieser Mischformen politisch verschlafen, weil sie sich zu stark auf die Verteidigung von Vollerwerbsarbeitsplatz-ArbeitnehmerInnen (mehrheitlich sind das Männer) konzentriert haben. Die gesellschaftspolitische Unsicherheit hat sich bereits weit über die künstlerischen Berufe hinausgehend verbreitet, ist jetzt dabei, „normal“ zu werden.
Die unsteten und unsicheren künstlerischen und freien wissenschaftlichen Karrieren lassen sich im Älterwerden immer weniger – bzw. gerade dann – von dieser als junger Person gewählten „freie“ Erwerbsarbeitsform in eine Standardbeschäftigung überführen. Die an einem „Starprinzip“ orientierte stark ungleiche Entlohnung im kulturellen Sektor vergrößert die soziale Ungleichheit zusätzlich. Waren im Kunst- und Kulturbereich wie auch in den kreativen Teilen der Kulturindustrie seit je nicht etwa traditionelle fordistische Arbeitszeit- und Absicherungsregelungen (9 to 5 Regelung, volle sozialrechtliche Absicherung) üblich und dominierend, so hat sich dieser Trend in Zeiten der New Economy deutlich verschärft. Über positives oder negatives Erleben der Freiheiten des postfordistischen Arbeitsmarktes entscheidet allein eines: Erfolg bzw. Misserfolg: „Im Falle erfolgreicher Start-Ups und begehrter Spezialisten kann die Spannung zwischen persönlicher Freiheit und sozialer Unsicherheit als ein Zugewinn an „Freiheit" erfahren werden. ... Anders ist das bei der Mehrheit jener Selbst-UnternehmerInnen, die nicht in die höheren Einkommensklassen aufsteigen, weil ihre Qualifikationen keinen Seltenheitswert haben.“ Seltenheitswert gilt für die meisten künstlerischen Ausbildungen nicht mehr, weil seit den 1970er Jahren in den reicher gewordenen Industriegesellschaften ein Run auf „Selbstverwirklichungsberufe“ – darunter Kunst-, Kultur- und Kreativberufe - eingesetzt hatte. Damit ist der Seltenheitswert der angebotenen Qualifikationen nicht mehr gegeben und vielfach kann keine Existenz sichernde Entlohnung erzielt werden.
„Zu allererst muss man vom Einkommen sprechen…“
„Zu allererst muss man vom Einkommen sprechen. Je nach Beruf verdienten die prekarisierten Intellektuellen, die wir befragt haben, zwischen 30% und 50% von dem, was sie verdient hätten, wenn sie dieselbe Arbeit als fix Angestellte bzw. Beamte geleistet hätten“. Zu diesem Schluss kommen Anne und Marie Rambach in „Chercheurs Précaires“, einem in Frankreich erschienenen Bestseller über die prekären Arbeitsverhältnisse von Intellektuellen, dem es gelang, die ansonsten meist nicht einmal ignorierte Lebens- und Arbeitssituation von „prekarisierten Intellektuellen“ einer breiteren Öffentlichkeit zu vermitteln bzw. diese überhaupt erst einmal als Gruppe des „normalen“ Arbeitsmarktes wahrzunehmen. Die Autorinnen thematisieren die Erwartungshaltungen und Ansprüche von Freelance-ForscherInnen und –intellektuellen an ihre Arbeit, ihr Berufsbild und ihre Lebensweise. „Unserer Definition nach werden die prekarisierten Intellektuellen aus jener Population von Kultur- und MedienarbeiterInnen gebildet, die weder Angestellte noch Beamte sind. In dieser Phase der Konzeption unserer Untersuchung dachten wir vor allem an prekarisierte JournalistInnen, an die vielen Prekarisierten im Verlagswesen, an AutorInnen wie wir es sind, an VertragslehrerInnen, an ArbeiterInnen im Multimedia-Bereich, an den Non-Profit-Sektor. Und an ForscherInnen ohne Planstelle.“ Der französische Report kommt zu ähnlichen Ergebnissen wie eine (österreichische) Studie der IG Externe LektorInnen über die Situation von freien WissenschafterInnen. Ähnliche Ergebnisse liefern auch die seit den 1970er Jahren publizierten Künstler- und Künstlerinnensozialreports.
„Normal“arbeitsverhältnis, Gewerkschaftspolitik und das Prekariat
Die im Kunst- und Kulturbereich häufig auftretenden Erwerbsarbeitsformen sind also oft das genaue Gegenteil von dem, was ein klassisch strukturiertes „Normal“-Arbeitsverhältnis genannt wird. Zudem bilden KünstlerInnen, Kreativ- und MedienarbeiterInnen und (freie) WissenschafterInnen spezifische, gewerkschaftsfern strukturierte Arbeitsmärkte (Ausnahme: JournalistInnengewerkschaft). Das heißt, viele im Kunst-, Kultur- und Wissenschaftsbereich erwerbstätige Personen sind nicht in einer ArbeitnehmerInnen- bzw. Selbständigenvertretung organisiert und fallen aus den traditionellen Solidargemeinschaften heraus. Sie erfüllen oft die Grundvoraussetzung von „klassischer“ Gewerkschaftspolitik nicht, weil sie nicht in „Normalarbeitsverhältnissen“ arbeiten und daher auch nicht den mit einer Vollzeitbeschäftigung verbunden umfassenden arbeitnehmerrechtlichen Schutz in Anspruch nehmen können. Diese einst gewerkschaftlich hart erkämpften „Normal“-Arbeitsverhältnisse (oder auch Standardbeschäftigung) sind nunmehr eine am Arbeitsmarkt des „flexiblen Kapitalismus“ zunehmend rascher schrumpfende Kategorie. Eine AK-Studie weist darauf hin, dass „flexible und unbeständige Beschäftigungsformen sich nicht auf Atypische, wie geringfügig Beschäftigte oder freie DienstnehmerInnen beschränken, „sondern immer weiter in den Bereich der Standardbeschäftigung hinein(reichen).“ So ist auch die in der Öffentlichkeit gerne positiv hervorgehobene – aber selten näher hinterfragte – allgemeine Beschäftigungszunahme fast ausschließlich im Bereich der instabilen Beschäftigung erfolgt.
Die (historische) Referenzfigur für dieses von der Arbeiterbewegung und den Gewerkschaften favorisierte „Normalarbeitsverhältnis“ war eine Person, die folgendermaßen beschrieben werden kann: männlich, weiß, um die 30. In dieser Normal-Arbeits-Konstruktion war gleich mehrerlei nicht enthalten: Arbeitsrealitäten von (erwerbstätigen) Frauen und anderen benachteiligten bzw. untypisch erwerbstätigen Gruppen am Arbeitsmarkt wie z.B. MigrantInnen etc.
Zudem funktioniert die Integration von Personen mit migrantischem Hintergrund in den kulturellen Arbeitsmarkt auffallend schlecht, nicht zuletzt deswegen, weil Gleichbehandlungsmaßnahmen im künstlerisch-kulturellen Feld aufgrund eines noch immer da und dort aufblitzenden „Genie“-Begriffs von vornherein diskreditiert sind. So möchten viele Künstlerinnen erst gar nicht in die Ecke „Kunst von Frauen’“ gedrängt werden, wie auch KünstlerInnen mit migrantischem Hintergrund nicht gerne als „Ethno-KünstlerInnen“ wahrgenommen werden wollen. Eine positive Diskriminierung wäre gleichwohl für beide im künstlerischen Markt minoritären Gruppen notwendig, um ihrer nach wie vor schlechteren Positionierung am Kunstmarkt etwas Konkretes entgegen zu setzen. Großbritannien ist da in seiner Cultural-Diversity-Politik etwas weiter: Vor allem Kulturinstitutionen, die von der öffentlichen Hand (ko-)finanziert werden, sollen mit gutem Beispiel vorangehen und BewerberInnen mit einem Minderheiten-Background bei gleicher Qualifikation (bevorzugt) engagieren. Teil der Gleichbehandlungspolitik des Arts Council of England ist, dass Statistiken geführt werden sollen, die nach weißen, schwarzen, Asian usw. KünstlerInnen und KulturarbeiterInnen differenzieren – ein Umstand, der in (den postfaschistischen Gesellschaften) Österreich und Deutschland kontrovers diskutiert wird. Viele sprechen sich gegen eine solche „Kennzeichnung“ nach ethnischer Herkunft aus, weil dies MigrantInnen wiederum als die „Anderen“ konstruiere und festschreibe.
Vernetzt kämpfen
So ist es nicht allzu verwunderlich, dass sich erst sehr spät (2001) in Österreich – vor allem aufgrund der stark gestiegenen Anzahl an LeiharbeiterInnen und TeleworkerInnen – mit „Flexwork“ eine Teilgewerkschaft der GPA (Gewerkschaft der Privatangestellten) bildete, die die Anliegen von prekär Beschäftigen in die gewerkschaftliche Arbeit zu integrieren versucht, was in neoliberalen Zeiten einer Sisyphus-Arbeit gleichkommt: vor Augen die kontinuierliche Rücknahme von klassischen (wohlfahrtsstaatlichen) ArbeitnehmerInnenrechten, das schwierige, für alle Betroffenen unerfreuliche und oft auch hilflose Handling von ArbeitnehmerInnen 2. Klasse (Freie DienstnehmerInnen – keine Arbeitslosenversicherung!) und ein rapider Anstieg an Selbständigen, die als Schein- bzw. unselbständige Selbständige bzw. abhängige Selbständige den Arbeitsmarkt strukturell veränderten.
Der globale Postfordismus verschluckt gewissermaßen die Figur des voll versicherten (männlichen) Arbeitnehmers (der europäischen Wohlfahrtsstaaten nach 1945) und wird sukzessive abgelöst von einer ungebunden-flexibel, (schein)selbständig agierenden und zu allem bereiten, arbeitnehmerähnlichen, unternehmerischen Superwoman/Einzelkämpferin (um im Gender-Bild zu bleiben).
Hier greifen die Kategorien der Vollerwerbsarbeitsgesellschaft – da Arbeiternehmer, dort Unternehmer – nicht mehr, der/die (Kultur/Wissens-)ArbeiternehmerIn wird so zu einer kapitallosen (Kultur-/Wissens-)UnternehmerIn (ihrer selbst): “These new kinds of workers are posed midway between labour and capital, doing the job of both at the same time. This means that … the re-socialisation of creative and cultural work … will not and could not mark a return to the organisational form of ‘old’ labour but require instead a more imaginative leap, one which have to take into account the fragility of cultural entrepreneurialism and the reality of self-employment.” (Angela McRobbie).
In einer aufschlussreichen Studie über die Zukunft des Arbeitsmarktes von KünstlerInnen und PublizistInnen betonen die Berliner ArbeitsmarktforscherInnen Sabine Haak und Siegfried Schmidt, dass insbesondere die Selbständigen – neben dem Freiwilligen-Sektor und dem Niedriglohnsektor – eine immer wichtigere Gruppe am Arbeitsmarkt darstellen werden. Je nach Interessenlage und Ideologie der jeweils Sprechenden können diese gänzlich unterschiedliche Beschreibungen erhalten: So werden diese Selbständigen für die einen zu heroischen „Mikrounternehmern“ und zu „Unternehmern in das eigene Humankapital“ (Europäische Kommission), andere aber sprechen von „Job-Sklaven”, „Tagelöhnern und WanderarbeiterInnen“ und „Scheinselbständigen“. Carroll Haak belegt in einem 2005 erschienenen Paper, das der Arbeitsmarkt von KünstlerInnen und Publizistinnen, dass „die abhängige Beschäftigung zugunsten der Selbständigkeit zurück“ geht.
Der (Euro)Mayday bietet die nächste Gelegenheit, wo Prekarisierte und alle an besseren Erwerbsarbeitsverhältnissen Interessierte ein politisches Statement gegen die Unsicherheits-Zumutungen des postfordistischen Arbeitsmarktes abgeben können. Sinn der Euromayday-Parade ist nicht nur, „durch lustvolle Selbstorganisation auf diesen bedrohlichen Prozess (der Prekarisierung) hinzuweisen“ – der Mayday ist auch eine Einladung, „nicht fragmentiert, für sich alleine, sondern vernetzt mit anderen zu kämpfen!“
(1) Vgl. Andrea Ellmeier, „,Kreativer Arbeitsmarkt – prekäre Arbeit. KulturarbeiterInnen, KünstlerInnen und freie Intellektuelle im Postfordismus“, in: Flexart. Reader zu Ausstellung u. Symposium, Kunstuniversität Linz 2006. Dies., „Prekäre Aussichten. Freie WissenschafterInnen und KünstlerInnen: Avantgarde (Vanguard) des flexibilisierten Arbeitsmarktes“, in: Kulturrisse – Zeitschrift für radikaldemokratische Kulturpolitik, 2/2005
Dieser Artikel erschien in der Publikation "fields of TRANSFER. MigrantInnen in der Kulturarbeit", 2007.
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