Kapitalismushygiene #09

kle_03-09-2009

„Die österreichische Innenpolitik ist ein Quell heller Freude, der mein Dasein als Couch Potato zutiefst bereichert und in gewisser Weise sogar erträglich macht. Ich kann stundenlang bekifft auf der Couch liegen und mir Wahlkampfgespräche, Straßenumfragen und ORF-Analysen ansehen. Natürlich hat diese Art von Politik eigentlich nichts mehr mit Politik zu tun, was aber nichts macht, weil ja die Politik ohnehin keine Politik machen kann, sondern ebendiese nur verwalten. „Kapitalismushygiene“, sage ich. „Gestalten“, sagt der Herr Khol. Aber da glaube ich dem alten Sack kein Wort.“

Vor ziemlich genau einem Jahr leitete ich meinen damaligen Wahlkampfbeobachtungsblog mit obigen Zeilen ein. Damals schrieb ich für den Weblog der Subversivmesse, und ich ich weiß ehrlich gesagt nicht mehr genau, wer oder was vor etwa einem Jahr gewählt wurde. Woran man schon erkennt: die Relevanz von Wahlen und im weitesten Sinne Parteien wird im wesentlichen überschätzt. Es ist immer wieder erstaunlich, wie wenig Einfluss die parteienorganisierte und institutionelle Politik auf die reale Makropolitik oder gar auf unsere Leben hat. Das mag an meinem möglicherweise privilegiertem Leben liegen; aber ich glaube, es geht doch den meisten so.

Damit will ich nicht den WahlboykottiererInnen, Immer-Dagegen-Seienden oder AnarchoprimitivistInnen das Wort reden. Aber, sagen wir mal, für eine realistische Einschätzung der Lage eintreten: unser politisches und ökonomisches System ist innerhalb eines begrenzten Handlungsspektrums weitgehend automatisiert. Durch Normierung, Verhaltenskodizes und eine kapitalistische Basis. Und durch eine ebenfalls automatisierte Bürokratie, die gefühlter maßen zunehmend vom Über- in den Unterbau rutscht. Man mag also gut und gerne das Wörtchen Autopoiesis in den Mund nehmen.
Das führt dazu, dass auch ideologisch weit voneinander entfernte Parteien in Machtpositionen nur geringfügig unterscheidbare Praxen entwickeln (können).

Aber auch geringfügige Unterschiede bilden interessante und letztendlich für manche Menschen signifikante Realitäten – immerhin beträgt unser genetischer Unterschied zum Schimpansen auch lediglich 1,3%, und dennoch sind diese lächerlichen paar Promillepunkte sowohl für Menschen als auch Schimpansen von entscheidender Wirksamkeit. Um in der Biologie zu bleiben: mit der Penetranz von Sean Connery in Medicine Man wollen wir in den nächsten Wochen diese kleinen Signifikanten finden. Die betroffenen Realitäten rauskitzeln, uns in die Rolle der ProtagonistInnen (MigrantInnen, Stiftungseigentümer, KulturtäterInnen, …) dieser Betroffenheit hineinfühlen und uns auch ganz banal in die Tiefen der parteipolitischen Ebenen dieser Landtagswahl begeben. Und natürlich die obligaten Fragen stellen: was sagen Wahlplakate über das Rückgrat der jeweiligen politischen Akteure aus? Koaliert die SPÖVP mit Blau oder Grün? Was ist los mit den Kummerln? Vielleicht gelingt es uns sogar, die eine oder andere kulturpolitische Frage aufzuwerfen. Immerhin: zu diesem Blog hat ja die KUPF geladen.

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